Alle Zehne

Beethovens Neunte Sinfonie. Längst mehr Mythos als Musik. Freude, Europa, Frieden kleben als Stichworte an ihrer Stirn. Dabei plante der Meister selbst noch eine weitere Sinfonie. Wann, wenn nicht in 2020, dem magischen Beethovenannum, wäre die Gelegenheit, Beethovens Zehnte aufzuführen? Doch dafür müsste sie rekonstruiert werden. Die Deutsche Telekom hat sich diesen verwegenen Plan in den Kopf gesetzt und eine Taskforce eingesetzt. Deren Mission: Komplettierung der Zehnten Sinfonie bis zur Aufführungsreife. Eine 6-köpfige Gruppe aus IT-Spezialisten und Musikwissenschaftlern, koordiniert von Matthias Röder von der Salzburger Unternehmensberatung „The Mindshift“, arbeitet schon seit einigen Monaten daran. Auf der Grundlage von sehr wenig – flüchtig hingeworfenen Skizzen, mal ein paar Töne, mal eine Überleitungspartie, mal eine kurze Melodie – soll also sehr viel – eine ganze Sinfonie erahnt werden. Antike Städte werden ja auch anhand von ein paar Mauerresten virtuell „nachgebaut“.

Die Hauptarbeit dabei übernimmt ein Algorithmus, also ein Computerprogramm, das eigens zu diesem Zweck von Ahmed Elgammal von der Rutgers University in New Jersey entwickelt wird. Es handelt sich um eine sogenannte „Artificial intelligence“, zu deutsch: künstliche Intelligenz (KI), ein selbstlernendes Programm, vergleichbar einem Schachcomputer. Der wird umso schlauer, je mehr Schachpartien er kennt. Das Ergebnis ist bekannt: ein Schachcomputer ist von Menschengehirnen nicht mehr zu besiegen. Wird es also bald auch eine Software geben, die besser komponiert als Beethovens selbst?

Gemach, kann man da nur sagen. Die Ergebnisse, die bis jetzt vorliegen, sind (noch) bescheiden. Vor kurzem traf sich das Restaurierungskommando im Beethovenhaus. Hier sprach man mit Experten  über Fragen der Skizzenforschung, über Beethovens „kreativen Prozess“ und anderes. Dort präsentierte man auch erste computergenerierte Musikpassagen. Zum Beispiel die Weiterführung einer kleinen thematischen Idee, die Beethoven auf einem Skizzenblatt notierte, das im Besitz des Beethovenhauses ist. Die computergenerierte Weiterführung dieser Idee verlässt sofort den Horizont der Beethovenschen und überhaupt der klassischen Musiksprache und arbeitet sich an schematischen Versetzung von Figuren ohne Rücksicht auf den Takt, an Abspaltungen und gewagten Oktavversetzungen ab. Das Ganze klingt alsbald mehr nach Neobarock oder automatischem Klavier. Das Programm „denkt“ sehr kleinteilig, repetitiv, statistisch, und vor allem: es fasst klassische Musik offenbar (noch) nicht als sprachähnlich auf. Anders ein zweites Beispiel: eine Passage im Sechs-Achtel-Takt. Die Varianten der KI sind deutlich idiomatischer, sinnfälliger, tonal plausibler. Der Algorithmus hat also dazu gelernt. Klar ist damit: der Algorithmus muss weiter gefüttert werden. Aber womit? Nur ein Beispiel. Beethoven hat bereits ein Scherzothema für die Zehnte skizziert. Soll das Programm nun alle Scherzi Beethovens „kennen“ oder nur die späten – schließlich wäre die Zehnte ja ein Spätwerk gewesen. Doch auch hier mahnte Robert Levin, Havard-Professor und als ausgewiesener Beethovenexperte mit im Team, dass die Scherzi der späten Streichquartette von anderem Zuschnitt seien als die der späten Sinfonien. Ganz zu schweigen von Beethovens Lust am Unvorhergesehen. Die lässt sich wohl kaum „vorhersagen“. Oder doch? In ein paar Monaten wissen wir mehr. Mathias Nofze

Arien in der Anatomie

Am Anfang steht ein junger Mann im Anatomiesaal, das Sezierbesteck in Händen, und schmettert eine Opernarie. Wie es dazu kam, beschreibt Volker Hagedorn im ersten Kapitel seines Buches „Der Klang von Paris“. Der junge Mann ist Hector Berlioz, der 1821 In Paris ein Medizinstudium aufnimmt und damit dem Drängen seines Vaters folgt. Die Leidenschaft des jungen Mannes jedoch gehört der Musik, schon als Jugendlicher hat er kleine Stücke komponiert. In der französischen Hauptstadt hört Berlioz die erste Oper seines Lebens: „Les Danaїdes“ von Antonio Salieri. Das Werk ist damals schon knapp vierzig Jahre alt, doch versetzt es Berlioz in rauschhafte Begeisterung. Und so kommt es, dass  er im eisigen Anatomiesaal steht und aus voller Kehle die Arie „Jouissez du destin propice“ singt, während er einen Schädel aufsägt.

Eine  geradezu filmreife Szene ist das, ein Einstieg, der auch einen historischen Kriminalroman eröffnen könnte. Das Ganze hat sich Hagedorn aber nicht ausgedacht, sondern aus Berlioz‘ Memoiren übernommen. Den Schöpfer der „Symphonie fantastique“ hat sich Hagedorn als Protagonisten auserkoren, der den Leser in das Paris zwischen 1821 und 1867 führt. In dieser Zeit stieg die Stadt zur „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ auf, so Walter Benjamin in seinem „Passagenwerk“. Doch der habe dabei Musiker und Musik in der Stadt weitgehend „ignoriert“, kritisiert Hagedorn in der Nachbemerkung. Dabei seien diese „Seismographen ihrer Zeit nicht weniger als die Literaten“.

Das zu verdeutlichen, gelingt Hagedorn, dessen Buch „Bachs Welt“ bereits die Fachwelt begeisterte, erneut auf fesselnde Weise. Die rund 350 Seiten bieten eine Mischung aus Künstlerroman, Sozial-, Kultur- und Musikgeschichte der Stadt Paris sowie aus reportagehaften Elementen, in denen er in das Paris von heute springt – das Buch taugt auch als Stadtführer. Die Wechsel der Ebenen  gelingen ihm elegant, was das Lesen zu einer kurzweiligen Angelegenheit macht, amüsant und lehrreich. Hagedorn schreibt mit leichter Hand, aber nie oberflächlich, sein Stil hat Schwung, mehr als das, nämlich oft auch Poesie. Respekt nötigt seine Kunst ab, Musik schwärmerisch zu beschreiben, ohne je in Kitsch zu verfallen. Gleichzeitig verliert er nie die Bodenhaftung im historischen Detail; der umfangreiche Anmerkungsapparat legt Zeugnis davon ab.

Zu Beginn reist der junge Berlioz mit der Kutsche nach Paris, am Ende, 1867, mit dem Zug, ein Sinnbild für den enormen technischen Fortschritt, der gerade in der Metropole an der Seine am prägnantesten zu beobachten ist. Doch zoomt der Autor in den sieben Kapiteln immer wieder auch andere Figuren heran: Liszt, Chopin und George Sand vor dem Hintergrund der großen Choleraepidemie 1832, den jungen Wagner und Heine, zusammen Austern schlürfend, während man Bestürzendes über die zunehmende Armut in der Stadt erfährt, Rossini in den Umwälzungen des Second Empire, den Fotografen und Erfindergeist Nadar, der inmitten der „Kaiserdämmerung“ Napoleons III. den größten Heißluftballon der Welt verwirklicht. Wie der dann in Rethem zwischen Bremen und Hannover abstürzt, ist erneut filmreif. Fazit: lesen und dann auf nach Paris. Mathias Nofze  

Volker Hagedorn. Der Klang von Paris. Eine Reise in die musikalische Metropole des 19. Jahrhunderts. Rowohlt, Reinbek 2019, 416 S., 25,- Euro.

„Schöne Stellen“ in Klavierquintetten

Die „Zauberflöte“, „Hänsel und Gretel“, „Tosca“ und „La Traviata“ waren die vier am häufigsten aufgeführten Opern in Deutschland in der Saison 2017/18. Die fünfte und neunte Sinfonie von Beethoven oder Schuberts „Unvollendete“ dürften in der Sparte Sinfonik die Platzhirsche sein. Auch in den übrigen Gattungen dominiert ein mehr oder weniger unveränderliches Kernrepertoire das Konzertleben. Frédéric Döhl, Strategiereferent für Digital Humanities an der Deutschen Nationalbibliothek und Musikwissenschafts-Dozent an den Universitäten Dortmund und Berlin, nennt diese Kanonbildung  eine „an Markennamen orientierte Musikgeschichte“. Und hat sich auf die Suche nach einer Alternative gemacht.

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Zu den Sternen

Er liebte Zeit seines Lebens den Nachthimmel, die Sterne, das All. In früher Jugend wollte Charles Koechlin sogar Astronom werden. Daraus wurde jedoch nichts, ebenso wenig aus seiner dann eingeschlagenen Laufbahn als Ingenieur, die er wegen einer lang anhaltenden Tuberkuloseerkrankung nicht fortsetzen konnte. Was folgte, waren Studien bei Jules Massenet, dann bei Gabriel Fauré. Seinen Forscherdrang konnt sich Koechlin allerdings bewahren. Ähnlich den  Komponisten seiner Generation wie etwa Maurice Ravel, George Enescu oder Reynaldo Hahn trieb ihn unbändige Entdeckerlust um. „Es gab da ganz ungewöhnliche Einblicke, ähnlich einem sich öffnenden Fenster zu der geheimnisvollen Welt der Töne oder den Entdeckungsreisen in einen unerforschten Urwald vergleichbar“, so hat es Koechlin selbst beschrieben. „Livre de la jungle“ heißt denn auch eine lange Serie von Symphonischen Dichtungen und Orchesterliedern, an denen er über einen Zeitraum von fast vierzig Jahren arbeitete. Die Anziehungskraft des Sternenhimmels lebte in der Sinfonischen Dichtung „Vers la voûte étoilée“ aus dem Jahre 1933 fort. Man betritt darin eine geheimnisvolle Tonwelt mit sphärischen Klängen, wuchernden Linien, subtilen Farbmischungen und raffinierter Harmonik. Die Bamberger Symphoniker unter Leitung von Thomas Rösner spüren diesen Facettenreichtum auf der vorliegenden CD mit erlesener Klangkultur auf. Das Ensemble bringt den mal satten, mal schmerzhaft-blendenden, dann aber auch kammermusikalisch verästelten Orchesterklang ausgezeichnet zur Geltung.

Seine singuläre Orchestrationstechnik hat Koechlin, der eine eigene Orchestrationslehre verfasst hat, auch den Titel „Klangalchemist“ eingebracht. Unter dem Titel „Couleurs“ hält die vorliegende CD ein Plädoyer für diesen ungemein produktiven Komponisten, der mehr als zweihundert Werke in fast allen Gattungen hinterließ und dabei in die Bereiche von Poly- und Atonalität vorstieß, mit dem Klavierzyklus „Heures Persanes“ Messiaensche Klangmystik vorwegnahm und am Lebensende Motetten im archaischen Stil schrieb. Auch das zweite Koechlinwerk – „Sur les flots lointains“ –  entwickelt eine langsam sich entfaltende Sogkraft und betört mit koloristischem Zauberwerk.

Der größere Teil der CD ist allerdings Werken von Francis Poulenc gewidmet, der ein Schüler von Koechlin war. Beide Künstler verbinde „die Sinnlichkeit in der Mischung der Bläserfarben, die Opulenz und gleichzeitige Transparenz der Orchesterbehandlung“, schreibt Dirigent Thomas Rösner im Booklet. Poulencs Tonsprache ist elegant, geistreich und – anders als bei Koechlin – ökonomisch, manchmal sentimental, oft unterhaltsam. All diese Ingredienzen machen aus der 1947 geschriebenen Sinfonietta ein kurzweiliges Hörvergnügen, nicht zuletzt wegen der ebenso packenden wie innigen Wiedergabe durch die Bamberger Symphoniker. Komplettiert wird die CD mit dem 1949 entstandenen, fünften und letzten Klavierkonzert von Poulenc. Der brasilianische Pianist Artur Pizarro spielt temperamentvoll und mit blitzender Virtuosität, hat aber auch ein Händchen für zarte und lyrische Partien. Die Aufnahmen entstanden 2017 und 2019 in der Konzerthalle Bamberg. Mathias Nofze

Couleurs. Francis Poulenc: Sinfonietta/Piano Concerto; Charles Koechlin: Vers la Voûte étoilée/Sur les flots lointains. Artur Pizarro (Klavier), Bamberger Symphoniker, Ltg. Thomas Rösner. Odradek OORCD364

Verbinden und Abwenden

Im ersten Satz von Beethovens fünfter Sinfonie erhebt sich für einen kurzen Moment eine einsame Oboenstimme, die vielfach als Sinnbild für den Kontrast zwischen Individuum und Gesellschaft aufgefasst wird. In ihrem Stück „Verbinden und Abwenden“ wendet die türkischstämmige Komponistin Zeynep Gedizlioğlu eine ähnliche Rollenverteilung auf das Verhältnis von Ensemble und Orchester an. Sie ist allerdings nicht an dem schlichten Kontrast von transparentem Ensemble- und fülligem Orchesterklang interessiert. Stattdessen postiert sie die Ensembleinstrumente mitten im Orchester, und zwar in „fremde“ Klanggruppen. So sitzt die Bassklarinette zwischen den Ersten Violinen, die Ensemble-Violine wiederum hinter der Orchester-Tuba. Zwar werden diese verteilten Ensembleinstrumente dezent verstärkt. Ob man sie tatsächlich als „Fremdkörper“ wahrnimmt, bleibe aber dahingestellt. Wichtig ist Gedizlioğlu zudem noch eine andere Konnotation. „Die Vorstellung von einer Gruppe – in diesem Fall bestehend aus 14 Individuen -, die dem großen Apparat Orchester gegenübersteht, bringt für mich in erster Linie etwas Politisches mit sich, und gleichzeitig den Impuls, die permanente Eindeutigkeit einer bestimmten Rollenverteilung, eines bestimmten Verhältnisses zwischen den zwei Klangkörpern abzulehnen.“  Das klingt alles ein bisschen wie der Versuch, die dialektische Philosophie der Frankfurter Schule zu vertonen. Doch bekanntlich sind Kommentare von Komponisten zu ihrer eigenen Musik nicht immer ein Schlüssel zu ihren Werken. Hört man nun in die Komposition hinein, so begegnet man einer sehr sinnlichen, energetischen, gestenreichen Musik, die turbulent, schillernd, gleichzeitig aber minutiös ausgehört wirkt. Drei Sätze hat das Werk, von der Komponistin als „drei Akte“ bezeichnet. Eine imaginäre Bühne ist also mit im Spiel, Instrumente setzen sich in Szene, parlieren, poltern, schleichen sich ein oder fallen mit der Tür ins Haus. An einer Stelle gibt das Orchester sein eigenes Publikum und feiert sich mit Bravorufen. Jenseits solcher Theatralik sorgt Gedizlioğlu auf der Mikroebene für Zusammenhalt, den Dirk Wieschollek im seinem lesenswerten Booklettext als „Greifen nach dem Ungreifbaren“ beschreibt: „Gestalten verfestigen sich, Konturen zeichnen sich ab, oft in unmerklichen Varianten oder Verschiebungen des schon Dagewesenen, und verschwinden wieder.“ Die vorliegende Porträt-CD (in der Wergo-Reihe „Edition zeitgenössische Musik“) vermittelt ein differenziertes Bild vom Schaffen der mehrfach preisgekrönten Komponistin, die aus Izmir stammt und in Deutschland unter anderem bei Theo Brandmüller und Wolfgang Rihm studiert hat. In „Sights of now“ für zwei Klaviere und Streichquartett arbeitet sie sehr konsequent mit scharf umrissenen Gesten und abrupten Wendungen, „Kelimeler“ (Worte) für fünf Vokalisten kreist um die Assoziationsfelder „Stimme“ und „Dunkelheit“ und bedient alle Register der zeitgenössischen Vokalkunst zwischen betörender Vokalise und Durcheinanderplappern. Außerdem auf der CD: das Ensemblestück „Jetzt – mit meiner linken Hand“, und „Blick des Abwesenden“ für Klavier und Orchester. Excellente Interpreten und eine fabelhafte Aufnahmetechnik sorgen für ungetrübten Hörgenuss. Mathias Nofze

Zeynep Gedizlioğlu: Verbinden und Abwenden. Kammermusik. Klavierduo Yukiko Sugawara und Tomoko Hemmi/Quator Diotima/Klangforum Wien, Ltg. Leonhard Garms/Ensemble Modern/hr-Sinfonieorchester, Ltg. Ilan Volkov bzw. Jonathan Stockhammer/Neue Vocalsolisten Stuttgart/Tamara Stefanovich (Klavier). Wergo WER 6428 2